
STILLE WASSER
Ungeduldig rutschte ich auf dem unbequemen Holzstuhl hin und her und fühlte mich, als würde ich zum Nachsitzen die Strafbank drücken. Das Büro des Dienstgruppenleiters vom K1 war nur mit dem Nötigsten eingerichtet, spärlich beleuchtet und um einiges unordentlicher, als ich es mir vorgestellt hatte.
Ich kramte mein Handy aus der Hosentasche und schaute auf das Display. Er lässt mich jetzt schon 25 Minuten warten, kein gutes Zeichen. Mit Sicherheit wird es gleich eine ordentliche Standpauke geben ... Was hatte ich mir auch dabei gedacht, warum konnte ich es nicht einfach gut sein und andere ihre Arbeit machen lassen?
Gerade als ich zum dritten Mal die quadratischen Paneelen der vergilbten, abgehängten Decke zählte, wurde mit einem Ruck die Bürotür geöffnet und Dienstgruppenleiter Hubrecht kam ins Zimmer marschiert. Ohne meine ausgestreckte Hand zu beachten, schritt er an mir vorbei und ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf seinem Schreibtischstuhl nieder.
„So, Alexander Scherer, Polizei Kommissar der PI 1, seit vier Jahren im Dienst. Woher kenne ich den Namen? Hast du dich nicht schon mal bei uns beworben?"
Bei dieser Frage kramte er zwischen allerlei Papieren auf seinem Schreibtisch herum, als suchte er etwas – hatte er tatsächlich meine Personalakte angefordert?
„Ja, ich habe mich in den letzten zwei Jahren schon mehrmals um die Versetzung zur Kripo beworben. Wegen meiner wenigen Dienstjahre wurde mir jedoch angeraten, erst noch ein, zwei Jahre im Schichtdienst zu arbeiten. Aber ich denke, es liegt auch an einer gewaltigen Portion Vitamin B, die mir zu fehlen scheint."
Schon wieder. Schon wieder hatte ich meine große Klappe nicht halten können. Was stimmt bloß nicht mit mir ...
„Haha, ja, manchmal sind wir schon sehr speziell, wenn es um die Einstellung neuer Kriminalbeamter geht, stimmt schon. Aber darum geht es mir gerade nicht."
DGL Hubrecht sah mich mit durchdringendem Blick an. Ich wusste genau, worum es ging. Um meine große Klappe, worum denn sonst?
„Kriminalkommissar Frank hat mir seinen Sachverhalt über den Dieckmann-Einsatz zwar schon vorgelegt, aber ich würde die ganze Geschichte gerne auch aus deiner Sicht hören – bitte von Anfang an, noch bevor sich unsere Abteilung eingeschaltet hat. Nur so kann ich mir ein Bild von der Gesamtsituation machen und entscheiden, was wir in deinem Fall für Maßnahmen ergreifen sollten. Und lass bitte nichts aus."
Ich schluckte. Keine Standpauke, wie ich sie erwartet und vermutlich auch verdient hatte. Das hier war ein Verhör, allerdings zu meinen Gunsten. Mit Sicherheit hatte Dieter in seinem Bericht wieder nur Müll von sich gegeben und mir den Schwarzen Peter zugeschoben – aber nicht mit mir.
„Okay, das kann ich machen. Nun," begann ich, die Geschehnisse der letzten beiden Wochen in meinem Kopf ordnend, „es hat wohl alles mit dem Tag angefangen, an dem Wasili, mein Streifenpartner, und ich zur Familie Dieckmann am Kreuzhof gerufen wurden. Da ging es erstmal um nichts Besonderes, sondern nur um eine verdächtige Wahrnehmung."
Ich hielt kurz inne. „Weißt du darüber bereits bescheid oder soll ich von hier an erzählen?"
„Nur weiter, nur weiter, ich hör' dir zu." Hubrecht nickte und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Mir entging nicht, dass er mir nichts zu trinken anbot. Ich musste es mir wohl erst verdienen. Also fuhr ich mit meinem Bericht fort:
„Wir kamen an den Kreuzhof. Die Dieckmanns wohnen dort am Ende der Siedlung in einem kleinen Bauernhaus, schon fast am Waldrand. Eigentlich eine schöne Gegend, schön ruhig.
Als Wasili an der Haustür klingelte, öffnete uns Carolin Dieckmann, die den Einsatz ausgelöst hatte. Sie bat uns herein und wirkte etwas nervös, schaute sich auf der Straße zu allen Seiten um, bevor sie die Tür hinter uns schloss.
Von innen sah das Haus ein klein wenig schäbiger aus, als ich es erwartet hatte. Oberflächlich betrachtet war zwar alles relativ aufgeräumt, aber beim genaueren Hinsehen fiel der Schmutz auf, der auf den Möbeln, der Einrichtung, selbst auf den Wänden haftete.
Alles in allem hatte ich den Eindruck, als würde hier nicht viel Zeit in das Haus gesteckt werden, es kam mir irgendwie schmuddelig und ungemütlich vor. Aber jeder, wie er mag.
Carolin Dieckmann dagegen ist auffallend hübsch – wie mein Kollege nach unserem Einsatz im Streifenwagen oft betont hatte. Sie begegnete uns freundlich und offen, allerdings schien sie ziemlich zerstreut und etwas verunsichert zu sein.
Sie erzählte uns, dass sie mit ihrer jüngeren Schwester, Charlotte, und ihrer demenzkranken Mutter, Annette, zusammenlebt und dass sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester um ihre pflegebedürftige Mutter kümmert.
Auf die Frage, weshalb sie die Polizei gerufen und um Hilfe gebeten hatte, antwortete Carolin Dieckmann nicht sofort. Erst, als Wasili das Stalking direkt angesprochen und mögliche Beispiele wie Beobachtung, Belästigung oder Verfolgung genannt hatte, war sie auf die Frage eingegangen – was wir beide schon recht seltsam fanden.
Da sich ihre Schilderung des Stalkings nur auf „ein Gefühl des Beobachtet und Verfolgt werdens" beschränkte und sie nicht nachweislich in irgendeiner Weise belästigt oder bedroht worden zu sein schien, hatten wir uns nur kurz umgesehen, ihre Aussage aufgenommen und waren dann wieder zur Dienststelle gefahren.
Die jüngere Schwester und die Mutter waren zu diesem Zeitpunkt gerade einkaufen, weshalb wir sie nicht zu den weiteren Umständen befragen konnten.
Das war, kurz zusammengefasst, unser erster Einsatz bei den Dieckmanns. Nichts Spektakuläres, eigentlich sogar ziemlich banal. Solche Einsätze haben wir ja öfter, wo nichts weiter dahinter steckt und die Leute sich irgendwelche Dinge einbilden und Geschichten zusammen spinnen.
Ich hatte damals den Bericht zu diesem Einsatz geschrieben und den Vorfall schnell wieder vergessen – bis dann in unserem Spätdienst zwei Tage später erneut ein Anruf von Carolin Dieckmann bei unserer Polizeiinspektion einging.
Da wir gerade ohnehin nur Papierkram zu erledigen hatten und die anderen aus unserer Dienstgruppe bei Einsätzen waren, sind Wasili und ich auch dieses Mal raus zum Kreuzhof gefahren, um nach dem Rechten zu sehen."
Ich machte eine kurze Pause, um den zweiten Einsatz noch einmal in meinem Kopf Revue passieren zu lassen – war das schon der mit den Drohbriefen oder der mit dem Einbruch?
Nein, das kam beides später. Ich räusperte mich kurz in der Hoffnung, nun ein Glas Wasser angeboten zu bekommen. Aber Pech gehabt, DGL Hubrecht wartete noch immer mit ungeduldigem Blick auf den Teil mit der Kripo.
„Als wir dieses Mal beim Kreuzhof angekommen waren," fuhr ich mit meinem Bericht fort, „waren auch Charlotte und Annette Dieckmann zugegen. Dadurch konnten wir uns einen Eindruck von der ganzen Familie verschaffen.
Carolin Dieckmann hatte uns bei unserem ersten Besuch ja bereits mitgeteilt, dass ihre Mutter demenzkrank ist. Dazu kommt eine milde Form von Schizophrenie, die sich in Zerstreutheit und Überempfindlichkeit äußert.
So saß Annette Dieckmann mit ihrer jüngsten Tochter, Charlotte, auf dem Sofa und kicherte die meiste Zeit des Gesprächs vor sich hin, während uns Carolin berichtete, warum sie erneut die Polizei kontaktiert hatte – und das war ganz und gar nicht zum Lachen.
Ich würde den Sachverhalt dieses Einsatzes als klassischen Telefonterror zusammenfassen.
Beide Dieckmann-Schwestern wurden sowohl auf ihren Mobiltelefonen als auch auf dem Festnetz von einer unterdrückten Nummer angerufen, zu verschiedenen Tag- und Nachtzeiten, manchmal sogar alle paar Minuten. Natürlich meldete sich niemand, auch konnte die Nummer nicht zurückgerufen werden.
Anders als ihre Schwester war Charlotte Dieckmann Wasili und mir gegenüber recht still und in sich gekehrt, als würden ihr die Telefonanrufe sehr zu schaffen machen.
Auch Carolin Dieckmann wirkte ziemlich verstört. Sie verdächtigte ihren Ex-Freund, Moritz Plantz, die Anrufe getätigt zu haben. Nach einer kurzen Recherche im polizeilichen System fand ich über ihn mehrere Vorgänge aus denen hervorging, dass er in der Vergangenheit schon des Öfteren als Gewalttäter aufgefallen war.
Um die beiden Schwestern zu beruhigen und Schlimmerem vorzubeugen, sprachen Wasili und ich mit den umliegenden Nachbarn der Dieckmanns. Wir versuchten sie dafür zu sensibilisierten, die Augen nach Herrn Plantz oder anderen fremden Personen am Kreuzhof offen zu halten und mögliche Vorkommnisse der Polizei zu melden.
Danach fuhren wir zu Moritz Plantz nach Otterberg, dieser war allerdings nicht zuhause anzutreffen. Bei Schichtende hatten wir dann die Folgeschicht über den Vorfall bei den Dieckmanns und den eventuellen Zusammenhang mit Herrn Plantz informiert.
Beim dritten Einsatz hatte meine Dienstgruppe gerade Wochenende, deshalb muss ich hier leider auf den Rapport eines Kollegen zurückgreifen.
So gab es diesmal handfeste Beweise, die das Gefühl von Carolin Dieckmann, beobachtet zu werden, bestätigten: Fotos aus dem Badezimmer der Dieckmanns, die Carolin Dieckmann beim Duschen zeigten. Die Aufnahmen waren in einem unfrankierten Umschlag in den Briefkasten geworfen worden, ohne Hinweis auf den Absender.
Durch die Perspektive der Bilder mussten diese aus dem Garten des Nachbarhauses aufgenommen worden sein, denn nur von dort hat man Einblick in das Badezimmer der Dieckmanns.
Selbstverständlich wurde der Nachbar, Andreas Briechle, von den Kollegen befragt.
Nach Aussage von Carolin Dieckmann hatte Herr Briechle sie schon häufiger um ein Treffen gebeten und ihr seine Zuneigung durch Blumen und kleine Aufmerksamkeiten gezeigt, was dieser den Kollegen bestätigte.
Auf seinem Handy und im Haus konnten jedoch keine Fotos von Carolin Dieckmann gefunden werden.
Da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass das Grundstück von Andreas Briechle von jemand anderem betreten und für die Aufnahmen genutzt wurde, versuchten die Kollegen noch einmal mit dem Ex-Freund von Carolin Dieckmann zu sprechen.
Dieses Mal konnte Herr Plantz angetroffen und zu den Vorfällen bei den Dieckmanns befragt werden.
Dem Rapport nach zu Urteilen wurde Herr Plantz gegenüber den Kollegen sehr ungehalten, als dieser von den Anrufen und den Nacktbildern von Carolin hörte. Auch ihm konnte zu diesem Zeitpunkt nichts nachgewiesen werden.
Was zunächst nach Paranoia einer jungen Frau aussah, entwickelte sich immer mehr zu einem ernsthaften Problem, weshalb unsere Dienstgruppen dazu angehalten wurden, den Kreuzhof drei Mal täglich anzufahren.
Trotz der polizeilichen Schutzmaßnahme installierten die Dieckmann-Schwestern Überwachungskameras auf ihrem Grundstück – davon erfuhren wir allerdings erst bei unserem nächsten Einsatz."
DGL Hubrecht unterbrach mich mit einem tiefen Seufzer, mit dem er seine Ungeduld und seine Skepsis mir gegenüber ausdrückte. Das war bei einem Mann wie ihm nicht anders zu erwarten gewesen. Ältere Beamte in Führungspositionen scheinen es immer besonders eilig zu haben.
„Bisher kommt mir das Ganze ein bisschen wie im Kindergarten vor. Man sollte meinen, dass der Fall hier doch klar auf der Hand liegt: Der Ex-Freund ist eifersüchtig auf den Nachbarn und schiebt ein bisschen Psycho-Terror. Ist ja jetzt nichts Neues. Warum wurde da bei den beiden Männern nicht noch weiter ermittelt?"
Ich runzelte die Stirn. Zu ungeduldiger Drängelei kommt auch noch eingebildete Besserwisserei dazu, super. Jetzt nicht wieder frech werden, Alex, bleib professionell und sachlich. Professionell und sachlich.
Diesmal war es an mir, tief zu seufzen, um meinem Unmut über seine Worte Ausdruck zu verleihen.
„Nun ja, die gewöhnliche Polizei hat nun mal nicht den Luxus, sich mit einem Team auf einen Fall zu fokussieren, wir müssen ständig überall sein. Und solange ein Sachverhalt noch als einfacher Kindergarten abgetan werden kann, kümmert es sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Kripo wenig. Ich vermute mal, deshalb konnte es überhaupt zu den nächsten beiden Einsätzen und natürlich der Entführung kommen."
Gar nicht mal schlecht. Vielleicht ein bisschen viel Sarkasmus in der Betonung, aber es hätte schlimmer kommen können. Gut gemacht.
DGL Hubrecht kommentierte meine Rechtfertigung der Kollegen mit eisernem Schweigen, aber ich glaubte, ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel herum bemerkt zu haben.
„Also, wie ging es denn dann nun weiter?"
Ich überlegte kurz. Das Beste würde es vermutlich sein, wenn ich die nächsten beiden Einsätze etwas knapper zusammenfasse, damit der gute Mann mir hier nicht einschläft. Am Ende hört er mir nicht mehr zu und glaubt wirklich noch den Quatsch, den Dieter in seinem Sachverhalt geschrieben hat ...
„Die nächsten beiden Einsätze fanden wieder während meiner Schicht statt, jeweils im Abstand von zwei Tagen. Da wir mit den Dieckmanns ja bereits bekannt waren, sind Wasili und ich wieder rausgefahren.
Diese Einsätze hatten weniger mit kindischem Verhalten als mit Einbruch und Vandalismus zu tun.
Zunächst wurden wir gerufen, weil sich jemand über die Terrasse Zugang zum Haus der Dieckmanns verschaffen wollte. Der versuchte Einbruch musste in den frühen Morgenstunden passiert sein und wurde von Carolin Dieckmann entdeckt.
Diese war der Tatsache eines versuchten Einbruchs so verstört, dass sie uns mit einem Baseballschläger in der Hand die Tür öffnete. Auch Charlotte Dieckmann schien von dem Einbruch sehr mitgenommen und versuchte, ihre Mutter zu beruhigen.
Während wir uns die demolierte Terrassentür genauer ansahen, erzählte uns Carolin Dieckmann von den installierten Kameras. Eine davon hing im Apfelbaum im hinteren Teil des überschaubaren Gartens.
Die Kamera lieferte jedoch nur bis 3 Uhr morgens ein Bild, da der Einbrecher die Kamera wohl bemerkt und das Objektiv eingeschlagen hatte. Der Täter wurde dabei nicht aufgezeichnet.
Bei näherer Untersuchung der ramponierten Kamera fiel mir das plattgetretene Gras um den Baum herum auf. Die Spur führte zur seitlichen Mauer, die zum Garten von Herrn Briechle angrenzt.
Als wir Andreas Briechle zum Einbruch befragten, konnte dieser kein brauchbares Alibi vorweisen – er sagte, er sei zur Tatzeit im Bett gewesen und habe geschlafen, allein. Das konnte also niemand bezeugen. Allerdings hatten wir auch diesmal keine tatsächlichen Beweise gegen ihn, weshalb wir nicht weiter tätig werden konnten.
Der Ex-Freund, Moritz Plantz, war in besagter Nacht mit Kollegen in einer Kneipe am Bahnhof Billard spielen, was viele Personen bezeugen konnten. Er kam als Täter also nicht infrage.
Und andere Verdächtige gab es zu diesem Zeitpunkt nicht, weshalb wir im Fall Dieckmann nicht wirklich weiter kamen.
Bei unserem nächsten Einsatz wegen Sachbeschädigung am Fahrzeug von Carolin Dieckmann fanden wir die Dieckmanns noch verängstigter vor. Jemand hatte mit einem spitzen Gegenstand „Schlampe" über beide Türen der Fahrerseite geritzt.
Vor lauter Panik hatten sich die beiden Schwestern zusammen mit ihrer Mutter im Haus verbarrikadiert. Alle Rollläden waren komplett runtergelassen und an der Eingangstür waren von innen separate Schlösser angebracht worden.
Bei unserer Befragung war Charlotte Dieckmann sich sicher, dass der Nachbar die Beleidigung in den Wagen geritzt hatte. Sie erzählte uns von einem Vorfall, bei dem ihre Schwester eine recht aufdringliche Einladung von Andreas Briechle zum wiederholten Mal abgelehnt hatte. Daraufhin war Carolin Dieckmann von ihm lautstark als „Schlampe" bezeichnet worden.
Dabei hatte Carolin Dieckmann die Einladung nur abgelehnt, da sie sich um ihre kranke Mutter kümmern musste. Als sie versuchte, Herrn Briechle die familiäre Situation zu erklären, zeigte dieser nur wenig Verständnis.
Nach dem Gespräch mit den Dieckmann-Schwestern sind wir noch einmal zum Nachbarn rüber, um ihn erneut zu befragen.
Gerade als wir mit Herrn Briechle vor dessen Haus im Gespräch waren, kamen unvermittelt die Dieckmanns dazu und versuchten, Herrn Briechle unter wüsten Beschimpfungen und Anschuldigungen zu einem Geständnis zu bewegen.
Es war gar nicht so einfach, die hysterischen Schwestern und ihre senile Mutter wieder ins Haus zu bekommen, das kann ich dir sagen. Ich war nur froh, dass sie den Baseballschläger nicht dabei hatten, das hätte ich ihnen durchaus zugetraut...
Wir stellten dieses Mal das komplette Haus von Andreas Briechle auf den Kopf, um irgendetwas verdächtiges zu finden – aber nichts.
Am nächsten Tag kam es dann zur Entführung von Charlotte Dieckmann."
Ich hielt in meinem Redefluss inne und machte eine theatralische Pause, um mich zu vergewissern, dass DGL Hubrecht meinem Bericht noch folgte und nicht mit den Gedanken bereits beim Mittagessen war.
Doch Anton sah mich nur aufmerksam an und bedeutete mir mit einem kurzen Nicken, dass ich fortfahren sollte.
„Am darauffolgenden Tag wurde uns das Verschwinden der jüngeren Dieckmann-Schwester gemeldet. Wasili und ich hatten gerade Spätschicht.
Zum Zeitpunkt, als der Anruf von Carolin Dieckmann bei uns einging, wurde Charlotte Dieckmann gerade einmal sechs Stunden vermisst. Aufgrund der kurzen Dauer forderten wir den Kriminaldauerdienst nicht direkt an, sondern machten uns erst einmal selbst ein Bild der Lage.
Zuletzt wurde Charlotte Dieckmann von ihrer Familie gesehen, als sie gegen 13 Uhr zum Einkaufen in den Nachbarort gefahren war. Als sie dann um 19 Uhr noch nicht wieder zurück war und auf Nachrichten und Anrufe nicht reagierte, wurde Carolin Dieckmann unruhig und verständigte uns.
Das Fahrzeug der jüngeren Schwester fanden wir auf dem Aldi-Parkplatz in Otterbach, jedoch ohne jede Spur von Charlotte Dieckmann.
Durch die Mitarbeiter des Supermarktes konnten wir schnell feststellen, dass sie diesen nicht betreten hatte. Leider war niemandem etwas Ungewöhnliches auf dem Parkplatz aufgefallen.
Da wir sonst keine weiteren Anhaltspunkte hatten, sind wir zunächst beim Exfreund von Carolin Dieckmann vorbeigefahren, um dort nach Charlotte zu suchen. Otterberg war ja nur ein Katzensprung.
Moritz Plantz war allerdings nicht zuhause anzutreffen, sondern befand sich noch auf der Arbeit. Wie die Angestellten der Werkstatt uns versicherten, hatte Herr Plantz seinen Arbeitsplatz den ganzen Tag nicht verlassen.
Somit hatten wir fürs Erste ausgeschlossen, dass Herr Plantz etwas mit dem Verbleib von Charlotte Dieckmann zu tun hatte – zumindest auf direkter Weise.
Natürlich hatten wir auch Herrn Briechle nach Charlotte befragt und mit seinem Einverständnis sowohl dessen Haus als auch den Keller, den Dachboden und den Garten abgesucht, doch keine Spur von ihr finden können.
Während der Durchsuchung versicherte uns Andreas Briechle immer wieder, dass er nichts mit Charlotte Dieckmann am Hut hatte und dass er das Haus den ganzen Tag nicht verlassen hätte.
Wir mussten seinen Worten glauben, denn ohne Beweis für eine Entführung konnten wir wenig ausrichten. Und bis auf die Dieckmanns gab es auf dem Kreuzhof niemanden der uns sagen könnte, ob Herr Briechle das Haus verlassen hatte oder nicht.
Und auch die Dieckmanns waren bei der Suche nach Charlotte keine große Hilfe. Mutter und Tochter hatten sich wieder in ihrem Haus verschanzt und waren kaum ansprechbar.
Carolin rief alle möglichen Freunde und Verwandte an, um sich bei ihnen nach ihrer Schwester zu erkundigen. Währenddessen fragte Annette Dieckmann alle zwei Minuten, was denn los sei, und beschwerte sich in zunehmend nörgelndem Ton, dass sie schon seit dem Mittag nichts mehr zu essen bekommen hätte. Das war echt anstrengend ...
Aus unserem Ermittlungsstand kristallisierte sich immer mehr eine Entführung heraus, sodass wir den Kriminaldauerdienst über den Sachverhalt informierten.
Wie du weißt schickte uns der Kriminaldauerdienst die Kollegen Angela Meiser und Dieter Frank, die die mutmaßliche Entführung weiter verfolgen sollten. Das war, glaube ich, gegen 21 Uhr.
Als wir den beiden alle möglichen Informationen über die Dieckmanns und die bisherigen Vorfälle und Verdächtigen weitergegeben hatten, gab es in Dieters Augen nur eine mögliche Schlussfolgerung."
Okay, jetzt wird es heikel. Jetzt nichts Falsches sagen, Alex. Du weißt, Anton ist schnell bei 180, wenn es um sein Team geht. Bleib sachlich und lass nicht zu sehr raushängen, wie inkompetent und was für ein verdammtes Arschloch Dieter Frank deiner Meinung nach ist. Immer locker bleiben.
„Ja und, was war dann?", unterbrach DGL Hubrecht meine Gedanken.
„Also zuerst einmal: Versteh' mich bitte nicht falsch, bisher bin ich immer gut mit Leuten von der Kripo klar gekommen und habe gerne mit euch zusammen gearbeitet. Aber bestimmt kannst du verstehen, weshalb ich nicht gerade zufrieden mit der Art und Weise war, wie Dieter den Nachbarn befragt hatte?"
Ich bemerkte, wie ein kurzes Lächeln die reservierte Miene von DGL Hubrecht durchzuckte und atmete innerlich erleichtert auf.
„Hm, ich hab' schon öfter die Bezeichnung „Choleriker" in Berichten gelesen und vielleicht auch mal die ein oder andere Beschwerde über ihn auf dem Tisch gehabt. Er hat leider wirklich eine kurze Zündschnur, aber das macht ihn umso besser wenn es darum geht, Informationen zu beschaffen."
„Das bringt aber nur was, wenn die Informationen auch der Wahrheit entsprechend und nicht aus der Not heraus erfunden wurden."
Natürlich konnte ich meine Klappe nicht halten. Über mich steht mit Sicherheit in den Berichten „Seine Zunge ist oft schneller als sein Gehirn".
Aber Anton lachte nur einmal laut auf und schaute mich dann erwartungsvoll an.
„Ja, was war denn nun mit Dieter und dem Nachbarn?"
„Na ja, Angela hatte sich mit der Mutter und der Schwester unterhalten, um vielleicht einen Bezug zu einem bestimmten Ort herzustellen, an dem wir nach Charlotte Dieckmann suchen konnten. Und Dieter hatte den Nachbarn ordentlich in die Mangel genommen.
Wie schon zuvor bei Wasili und mir beteuerte Andreas Briechle auch diesmal seine Unschuld. Er habe nichts mit den Drohbriefen, dem Einbruch, der Sachbeschädigung und schon gar nichts mit dem Verbleib von Charlotte Dieckmann zu tun.
Doch Dieter hatte den Nachbarn auf dem Kicker. Er brüllte ihn an, schüchterte ihn mit Drohgesten ein und bestand auf seiner Schuld. Nach kurzer Zeit war Herr Briechle unter der Befragung von Dieter zusammengebrochnen.
Zwischen unverständlichem Gestammel und Geschluchze gestand Andreas Briechle seine Gefühle für Carolin Dieckmann. Er erzählte, dass die unerwiderte Liebe für ihn mit der Zeit immer mehr zu einer psychischen Belastung wurde und dass er zunehmend die Nähe zu Carolin gesucht hatte. Er war also tatsächlich ein Stalker.
Diese Aussage war für Dieter ein Geständnis. Für mich jedoch klang es eher wie Worte, die einem verstörten und verängstigten Menschen in den Mund gelegt wurden.
Aus diesem Grund stellte ich mich ihm in den Weg, als Dieter Anstalten machte, Herrn Briechle zur schriftlichen Vernehmung mit auf die Dienststelle zu nehmen.
Da ich aber Dieters Meinung nach „nur" ein unnützer Streifenbulle und noch grün hinter den Ohren war, hatte er nichts für meine Ansichten übrig und überhörte meine Einwände.
Während ich mit Dieter diskutierte, kam Angela zusammen mit Carolin und Annette Dieckmann herüber. Als Dieter ihnen erzählte, dass vermutlich Herr Briechle der Stalker wäre, waren Mutter und Tochter außer sich vor Zorn.
Carolin verpasste Andreas Briechle eine kräftige Ohrfeige und warf ihm alle möglichen Beschimpfungen an den Kopf. Annette Dieckmann rief hysterisch immer wieder, dass er ihre kleine Tochter frei lassen sollte und dass sie genau wisse, was er getan habe.
Zwischen all dem Geschrei und Gezeter war es schwer, wieder Ruhe in die Situation zu bringen.
Um dem Tumult ein Ende zu setzen und den Nachbarn weiter nach dem Aufenthaltsort von Charlotte befragen zu können, nahmen Angela und Dieter Herrn Briechle umgehend mit auf ihre Dienstelle.
Ich allerdings hatte noch immer nicht das Gefühl, dass Herr Briechle der Entführer von Charlotte war. Mit Erlaubnis der Dieckmanns sah ich mich gründlich im Zimmer der jüngeren Schwester um, während Wasili versuchte, Mutter und Tochter wieder zu beruhigen und Mut zuzusprechen.
Neben verschiedener Schnulzen-Büchern und einigem Krimskrams, der sich eben über die Jahre so ansammelt, fand ich unter dem Bett eine Holzkiste, die vor grotesker Zeichnungen und seltsamer Liebesbriefe beinahe überquoll.
Es schien so, als hätte Charlotte Dieckmann eine fanatische Schwäche für den Andreas Briechle, der jedoch nur Augen für ihre Schwester hatte.
Zudem lag auf dem Stuhl neben dem Fenster, das zum Haus des Nachbarn zeigte, achtlos zusammengeknüllte Kleidung, die mit Erde verdreckte war.
Ich zählte eins und eins zusammen und rief sofort Dieter Frank an, um ihm von meinem Fund zu berichten. Doch alles, was ihn interessierte, war der Nachbar.
Als ich ihm daraufhin mitteilte, dass ich auch ohne ihn weiter nach Charlotte suchen würde, verbot er mir, den Spuren auf eigene Faust zu folgen – das sei Sache der Kripo und ginge mich nichts mehr an, seine Kollegen würden sich weiter auf die Suche nach der jüngeren Schwester machen.
Ich muss gestehen, nach diesem Telefonat war ich mächtig angepisst und wollte nur umso mehr die Unschuld von Herrn Briechle beweisen und Charlotte finden.
Wieder im Wohnzimmer der Dieckmanns unterrichtete ich Wasili von den Zeichnungen und den Briefen, die ich in Charlottes Zimmer gefunden hatte, und von meinem eher frustrierenden Gespräch mit Dieter. Er kam zu der gleichen Schlussfolgerung wie ich: Irgendwas stimmte nicht mit der jüngeren Schwester.
Eigentlich hatte ich vor, Wasili auf der Dienststelle abzusetzen und mich allein auf die Suche nach Charlotte zu machen, damit er nicht auch noch Ärger mit der Kripo bekam, aber Wasili wollte mich nicht ohne Verstärkung gehen lassen.
Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg zum nahegelegenen Waldstück, in welchem Charlotte nach Angaben von Carolin Dieckmann mehrmals die Woche spazieren ging.
Wir durchstreiften das kleine Waldstück mit unseren Taschenlampen, die das dicht bewachsene Unterholz nur spärlich erhellten. Wir hatten fast die gesamte Umgebung abgesucht, was länger gedauert hatte, als wir zuvor angenommen hatten.
Und dann schließlich fanden wir sie, in einem selbstgebauten Baumhaus am Ende des Waldstücks.
Es mag vielleicht etwas riskant gewesen sein, ohne Verstärkung das Baumhaus zu Stürmen, aber wir hatten eindeutig das Überraschungsmoment auf unserer Seite, weil sie nicht damit gerechnet hatte, entdeckt zu werden.
Und das war's, so fanden Wasili und ich die entführt geglaubte Charlotte Dieckmann.
Wir vergewisserten uns, dass es ihr so weit gut ging, nahmen sie in Gewahrsam und brachten sie zu Angela Meiser auf die Dienststelle der K1. Ab hier müsstest du den weiteren Sachverhalt besser kennen als ich.
Soweit ich weiß, wurde Charlotte Dieckmann von Angela und Dieter vernommen. Charlotte hatte sowohl die Sachbeschädigung am Wagen ihrer Schwester als auch den versuchten Einbruch und das Verfassen der Drohbriefe gestanden – und natürlich ihre eigene Entführung.
Aktuell ist sie, meine ich, in der psychiatrischen Abteilung des Westpfalz-Klinikums, da bei ihr Gefahr auf Eigen- und Fremdgefährdung besteht. Charlotte Dieckmann hat wohl die Schizophrenie ihrer Mutter geerbt, die sich in ihrem Fall in einer Form von manischer Liebe und gleichzeitiger Depression äußerte.
So wollte sie mit ihren Taten Rache nehmen an Andreas Briechle und an ihrer Schwester. Unerwiderte Liebe kann grausam sein. Aber ich muss sagen, es ist schon ein wenig verrückt, das alles."
Ich war am Ende meiner Schilderung angelangt. Anton Hubrecht sah mich lange an, als überlegte er, was er von der ganzen Sache halten sollte. Dann ließ er wieder sein schweres und tiefes Seufzen hören und goss mir endlich ein Glas Wasser ein.
„Und, deckt sich mein Bericht mit dem Sachverhalt von Kriminalkommissar Frank?", fragte ich ihn, um die unangenehme Stille zu durchbrechen.
„Tatsächlich tut er das nicht, nicht ganz zumindest. Aber es scheint mir um einiges plausibler als das, was Dieter geschrieben hat – ich glaube, ich muss nicht erwähnen, dass er dich nicht besonders leiden kann."
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah mich DGL Hubrecht vielsagend an.
„Die viel wichtigere Frage ist: Was machen wir jetzt mit dir?"
