Roman "Empathy" von Vivien Schnauber

EMPATHY

Charlotte May ist sechszehn Jahre alt und hat eine besondere Gabe: Wenn sie bewegte Bilder sieht, versetzt sie sich innerhalb weniger Minuten in das dort gezeigte Geschehen und die Hauptfigur hinein, empfindet und handelt wie diese und hat in diesem Zustand keine Kontrolle mehr über sich selbst. Von diesen auf emotionaler Ebene ausgelösten, telepathischen Schüben erfahren ihre Eltern, als Charlie im Alter von fünf Jahren während ihres ersten ausgeprägten Anfalls ihre Mutter Hannah tötet. Seit diesem Vorfall leben Charlie und ihr Vater Richard nie länger als ein paar Monate an einem Ort. Die ständige Entwurzelung von Charlie entschuldigt Richard May mit seiner Arbeit als zeitweiser Vertretungslehrer. Von der Besonderheit seiner Tochter weiß außer ihm niemand, nicht einmal Charlie selbst.

Bisher hatte Richard May penibel darauf geachtet, dass Charlie keine sozialen Kontakte knüpfte und nicht in Berührung mit irgendeiner Form von Bewegtbild kam. Mit ihrem Umzug nach Tahlding sollte sich das ändern. Denn Charlie hatte sich in den Kopf gesetzt, endlich Freunde zu finden und ein ganz normaler Teenager zu sein.

Trotz der wachsamen Augen von Richard, der seine Tochter in Mathematik und Biologie unterrichtet, wird Charlie nach ein paar Wochen von einer kleinen Freundesclique aufgenommen. Als sie zu einem Mädelsabend eingeladen wird, schleicht sich Charlie heimlich aus dem Haus. Es kommt, wie es kommen musste: Im Laufe des Abends hat Charlie zwei telepathische Schübe, ausgelöst von einer Fernsehserie und einem Video-Spiel. Diese bleiben bei den Mädchen nicht unbemerkt und ihnen wird klar, dass mit Charlie etwas nicht stimmt. Charlie ist verwirrt und fragt sich, ob ihr Vater von ihrer Besonderheit weiß, vertraut sich ihm aber nicht an.

Um die mysteriösen Schübe weiter zu erforschen, planen die Freunde einen Filmnachmittag, bei dem sie Charlies Reaktionen auf unterschiedliche Arten von Bewegtbild beobachten. Dabei lernt Charlie nicht nur, wie diese Schübe ausgelöst werden, sondern auch, wie sie ihre „Empathie-Telepathie“ unterdrücken kann.

Charlie lässt sich von der Begeisterung ihrer neuen Freunde über ihre Besonderheit anstecken. Aus Angst, wieder ausgegrenzt zu werden, und um ihrem Schwarm Jonas zu imponieren, wagt sich Charlie zusammen mit ihren Freunden in einen Horror-Film, der im kleinen städtischen Kino läuft. Wieder spürt Charlie, wie sie sich in die Hauptperson und das Geschehen hineinzuversetzen beginnt und versucht, sich dem Telepathie-Schub zu entziehen. Dabei wird sie von ihrer gehässigen Klassenkameradin Jessica gestört – mit fatalen Folgen, die im Unfalltod von Jessica enden.

Nach einem Besuch bei einem Psychologen wird der Vorfall im Kino als ein durch eine Angstattacke ausgelöstes Unglück abgetan. Richard macht sich Vorwürfe, dass er seiner Tochter nicht früher von ihrer Besonderheit erzählt hat, und klärt sie dabei über den Tod ihrer Mutter auf. Charlie ist geschockt und kann mit der Schuld nicht leben. Bei dem Versuch, allen bewegten Bildern aus dem Weg zu gehen und die Geschehnisse hinter sich zu lassen, wird sie fast wahnsinnig. Am Ende nimmt sich durch einen Film über einen Suizid selbst das Leben.

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