
AUF GUTE NACHBARSCHAFT
Drüben war noch alles dunkel, die Straße wirkte wie ausgestorben. Sollte er es wirklich wagen? Er nahm wieder einen Schluck aus der Jägermeister-Falsche, die er schon den ganzen Abend nicht loslassen wollte. Eigentlich war er seit einem Jahr trocken. Aber das war kein Abend für gute Vorsätze.
Wo war das Problem, warum zögerte er noch? Er hatte sich doch die komplette Woche darauf vorbereitet, wird schon schief gehen. Aber was, wenn trotzdem etwas schief gehen würde, wenn er erwischt werden würde?
Er trat vom Fenster weg, ließ sich schwer auf dem Sofa nieder und stützte seinen Kopf in die Hände. Gab es nicht doch einen anderen Weg? Hatte er wirklich schon alles versucht, gab es sicher keine bessere Lösung? Sein Blick fiel über das Einschreiben vor ihm auf dem Wohnzimmertisch – letzte Mahnung vor Zwangsräumung. Was für eine Scheiße.
Klar, er könnte einfach in eine kleine Wohnung in der Innenstadt ziehen, aber wäre das das beste für seine beiden Töchter? Grundschule, Kita, Spielplätze und Freunde, ihre ganze Welt war fußläufig erreichbar. Und über die Straße war man direkt bei den Feldern – noch näher an seiner Arbeitsstelle konnte man wirklich nicht wohnen. Eine solche Umstellung würde er seinen beiden Prinzessinnen auf keinen Fall antun, nicht wenn er allein Schuld daran war, er und die gottverdammte Trinkerei. Nach dem Tod ihrer Mutter war er die einzige Familie, die seinen Töchtern noch geblieben ist – und das war nicht gerade viel. Keine guten Aussichten, wenn man ihn fragte.
Es lag auf der Hand, er brauchte Geld. Und er wusste, wer Geld im Überfluss hatte: die Bonzen von gegenüber. Jeden Tag, wenn er durch das Wohnzimmerfenster über seinen Garten sah, stach ihm diese Perversion eines Hauses ins Auge. Vorletztes Jahr war mit dem Bau begonnen worden und zu Anfang hatte er sich gefragt, warum ein kinderloses Ehepaar so einen Koloss bewohnen wollte. Hassten die beiden sich so sehr, dass sie neun Zimmer und drei Badezimmer benötigten, um sich nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen?
Seitdem der Bau fertiggestellt, das Paar eingezogen und sich den Nachbarn vorgestellt hatte, fragte er sich gar nichts mehr. Denn für sie war ein Haus kein behagliches Heim, sondern ein Ausdruck ihres Vermögens, ihrer „Macht".
Man hätte das Ehepaar und dessen Lebensstil vermutlich als exzentrisch bezeichnen können – wenn sie nicht so verdammt selbstgefällig und von oben herab wären.
Einmal hatte er den Fehler gemacht und die beiden von gegenüber für normale Menschen gehalten, denen man als guter Nachbar doch gerne behilflich ist. So hatte er ein Paket angenommen, das der Postbote ausliefern wollte, um seinen Nachbarn eine unliebsame Fahrt zur nächsten Postfiliale in der Innenstadt zu ersparen. Als er jedoch drüben klingelte, um das Paket voller gutmütiger Absichten abzugeben, wurde er weder freundlich begrüßt, noch hereingebeten, noch wurde ihm gedankt. Er bekam nur das Paket aus der Hand gerissen und die Tür vor der Nase zugeschlagen. Unhöfliche, arrogante Arschlöcher.
Vermutlich war ihnen sein kleines schiefes Haus mit dem verwilderten Garten genauso ein Dorn im Auge, wie deren vor Geld triefende Hütte ihm jedes Mal den Magen umdrehte, wenn er aus dem Fenster sah.
Er runzelte die Stirn bei diesem Gedanken. Wenn er es sich recht überlegte, hatten sie es verdient. Und was sollte schon passieren? Er ließ ein paar der wertvollen Kinkerlitzchen mitgehen, die überall herumstanden und die sie vermutlich eh nicht vermissen würden, die würden den Verlust dann ihrer Versicherung melden, bekämen die Kohle zurück und keiner kam zu Schaden. Außer die Versicherung, aber was scherte ihn das.
Er nahm einen großen Schluck aus der Jägermeister-Flasche und sah auf seine Armbanduhr. Schon fast 3 Uhr. Genug getrödelt, jetzt oder nie. Leicht schwankend erhob er sich vom Sofa, griff nach dem schwarzen Kapuzenpullover, der auf der Lehne lag, und streifte ihn über. Leise ging er durch das dunkle Wohnzimmer und spähte noch einmal nach draußen.
Gegenüber war noch immer kein Licht zu sehen, auch der Mercedes stand nicht wieder in der Einfahrt. Perfekt. Ein kurzer Blick ins Kinderzimmer. Hier war alles klar, seine beiden Engel schliefen tief und fest. Ein Gefühl von Liebe und Schuld überkam ihn. Ich mach' das nur für euch, meine Schätze! Wieder zurück im Wohnzimmer nahm er einen letzten großen Schluck, straffte die Schultern und schüttelte schnell den Kopf hin und her, um seine Gedanken klarer werden zu lassen. Konzentration jetzt, die Show konnte beginnen.
Er zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und trat durch die Terrassentür. Die Luft roch nach Herbst, es war ziemlich warm für Ende Oktober. Schnell durchschritt er den Garten und öffnete das marode kleine Gartenhäuschen. Hier hatte er bereits alles für seinen großen Coup bereitgelegt: Schwarze Handschuhe, ein Dietrich-Set, eine Mini-Taschenlampe und einen Leinensack.
Hatte er etwas vergessen? In den Filmen hatten Einbrecher oft ein Brecheisen dabei ... aber wozu brauchte es rohe Gewalt, wenn man doch einfach elegant die Schlösser knacken kann? Wird schon schief geh'n!
Er schlüpfte in die Handschuhe, stopfte die Dietriche in die hintere Hosentasche, klemmte den Sack unter den Arm, nahm die Taschenlampe in die linke Hand und schloss das Gartenhäuschen sorgfältig wieder. Ein großer Schritt über den kläglichen Holzzaun, fluchs den schmalen Schotterweg zwischen den Häusern überquert und ein kurzer Sprung über die niedrige Mauer und schon war er auf dem Grundstück seiner „lieben" Nachbarn.
Hinter der Hauswand versteckt atmete er tief durch. Behalt' einen kühlen Kopf und lass' dich nicht ablenken, schnell rein und wieder raus – easy! Die Haustür konnte er unmöglich nehmen, wurde doch die ganze Straße von Laternen beleuchtet. Die Gefahr war zu groß, dass ihn jemand beobachten könnte. Sein Ziel war die Terrassentür.
Geduckt schlich er um die Ecke herum, dicht an die Wand gepresst, um bloß nicht aufzufallen. Man weiß ja nie, welcher neugierige Nachbar gerade in diesem Moment aus seinem Fenster sehen würde.
Geschafft! Durch die dichten Liguster-Hecken, die die Terrasse umgaben,
konnte ihn unmöglich jemand entdecken. Siegessicher griff er nach dem Dietrich-Set in seiner Gesäßtasche und wollte sich schon dem Schloss der Terrassentür widmen, als sein Blick auf ein kleines rot-blinkendes Licht in der oberen rechten Ecke unter dem Dachvorsprung fiel. Eine Überwachungskamera, natürlich! Wie hatte er nur so dumm sein können?!
Hektisch blickte er sich um und hechtete um die Hausecke zurück, von der er eben gekommen war. Verdammte Scheiße, was jetzt? Er musste seine Mission abbrechen, bevor es zu spät war und jemand sein Vorhaben bemerken würde. Denn ohne triftigen Grund schaut sich doch niemand die Aufnahmen seiner Überwachungskameras an, oder? Zum Glück hatte er die Taschenlampe noch nicht eingeschaltet ...
Andererseits war er jetzt schon mal hier. Er musste es versuchen, bevor der Mut ihn verlassen würde – schließlich hatte er seine hart erarbeitete Abstinenz dafür gebrochen. Und eine andere Möglichkeit gab es nun mal nicht, so viel war klar. Selbst wenn man ihn erwischen würde, so hätte er wenigstens alles in seiner Macht Stehende getan, um für seine Familie zu sorgen. Selbst wenn man ihn einbuchten und seine Töchter zu einer Pflegefamilie stecken würde – ihnen würde es vermutlich besser gehen als jetzt. Er musste es versuchen, für seine Kinder.
Er strich sich mit dem Unterarm über die schweißnasse Stirn, schloss die Augen und versuchte, sich den Grundriss des Hauses ins Gedächtnis zu rufen.
War er nicht eben an einem Fenster vorbeigekommen, das nicht von den Straßenlaternen erleuchtet wurde? Er spähte nach links. Tatsächlich! Das Fenster war allerdings mit einem Rollladen verschlossen worden. Warum es mir auch einfach machen ...
Ein schneller Blick über die Schulter. Niemand zu sehen, alle Häuser im Umkreis waren noch immer in Dunkelheit gehüllt. Im Licht seiner kleinen Taschenlampe sah er sich den Rollladen näher an. Wenn er hier mit den Fingern drunter käme, müsste sich das Ding ganz leicht hochschieben lassen – easy.
In der Theorie einfach, in der Praxis schwerer als gedacht. Scheiß elektrischer Firlefanz ... Warum hatte er bloß auf das Brecheisen verzichtet?
Er hatte es beinahe geschafft, der Rollladen war fast oben, als die Hauswand von den Scheinwerfern eines vorbeifahrenden Autos beleuchtet wurde.
Erschrocken ließ er den Rollladen los, der sofort wieder hinunter krachte. Fuck, diese elenden Elektroautos, kommen immer aus dem Nichts! Schnell wich er vom Fenster zurück und versuchte, sich in den Liguster-Hecken zu verstecken. Was sollte er tun?
Das Blut schoss ihm so in den Ohren, dass er seine Umgebung kaum wahrnehmen konnte. Alles verschwamm in schierer Panik, seine Gedanken überschlugen sich.
Er lauschte angestrengt. War er bemerkt worden? Waren es die Hauseigentümer oder nur ein zufällig vorbeifahrendes Pärchen auf dem Weg nach Hause?
„Ich seh' niemanden mehr ... Hallo? Ist da jemand?"
„Schatz, lass uns die Polizei rufen, das ist mir nicht geheuer!"
Verdammte Scheiße, es waren die Nachbarn und sie hatten ihn gesehen.
Shit, was jetzt? Denk' nach, denk' nach, denk' nach, ...
Hier stehen bleiben und als Nachbar von gegenüber entlarvt werden konnte er auf keinen Fall. Bleibt nur die Flucht! Durch die Hecke, über die niedrige Mauer, quer über den Schotterweg, über den alten Holzzaun ins Gartenhäuschen.
Luft holen.
Nachdenken.
Man hatte ihn gesehen. Man hatte ihn gesehen, aber nicht erwischt. Noch nicht ...
Jetzt heißt es cool bleiben, sich nichts anmerken lassen. Er nahm das Dietrich-Set aus seiner Hosentasche und verstaute es zusammen mit den Handschuhen in der hintersten Ecke des Gartenhäuschens, zwischen Gerümpel und Gartenabfällen. Die kleine Taschenlampe legte er wieder ins Regal an der Wand, den Sack warf er achtlos auf den Boden. Nicht zu ordentlich, das fällt sonst auf.
Vorsichtig öffnete er die Tür des Gartenhäuschens und schlich sich auf leisen Sohlen über die Terrasse ins eigene Wohnzimmer zurück. Als letztes Beweisstück landete der schwarze Kapuzenpullover mit anderen Kleidungsstücken seiner Töchter in der Waschmaschine.
Der erste Schritt war erledigt. Was jetzt? Am besten so tun, als hätte er die ganze Nacht schlafend im Bett verbracht, genau.
Leise, um seine Mädchen nicht zu wecken, schlich er die Treppe hoch, zog die Jeans aus und setzte sich auf die Bettkante. An Schlaf war nicht zu denken, zu viel Adrenalin pumpte noch durch seine Venen.
Sanftes blaues Licht schimmerte durch die dünnen weißen Vorhänge und erfüllte das Schlafzimmer. Hatten seine Nachbarn tatsächlich die Polizei gerufen? Fuck.
Nervös erhob er sich vom Bett und lief zum Fenster, darauf bedacht, den Vorhang nicht zu bewegen und so sein Spähen zu verraten. War die Polizei etwa schon auf dem Weg zu seinem Haus? Gleich würden sie bei ihm klingeln und ihn einkassieren. Doppel-Fuck.
Angespannt beobachtete er, was drüben vor sich ging. Ein Polizist unterhielt sich mit dem Bonzen-Ehepaar, ein anderer suchte mit einer Taschenlampe den Garten ab.
Keiner deutete panisch auf sein Haus, niemand klingelte bei ihm. Dann waren die Polizisten weg, die Nachbarn von gegenüber wieder in ihrem Palast und die Straße friedlich. Er war im Schutz der Dunkelheit wohl nicht erkannt worden.
Für ihn stand fest: Er würde es bald wieder versuchen. Was konnte schon schief geh'n? In der Nacht sind alle Katzen grau.
